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Theologische Aussagen

 

 

Wie kommt die schmerzliche Erfahrung einer Fehlgeburt in der Bibel zur Sprache

- Von Herzen danke ich Frau Pfarrerin Hanna Strack, dass sie uns ihren Vortrag zur Verfügung stellt -

 

In der Bibel spiegelt sich das Leben von Jahrhunderten vor Christus bis zu den ersten christlichen Gemeinden wider. Die Bibel erzählt vom Glauben der Menschen, sie stellt aber keine Sittengeschichte dar. Wenn wir also einzelne Texte zum Stichwort "Fehlgeburt" finden, so können wir gewissernmaßen wie durch ein Fenster hindurch in die Lebenswirklichkeit der Menschen schauen. Die einzelnen Bücher der Bibel sind von vielen Autoren, vielleicht sogar auch von Autorinnen, geschrieben worden. Die Entstehungszeit reicht von 1800 v.Chr. bis 120 n.Chr., wenn wir die mündliche Überlieferung aus dem alten Israel miteinbeziehen wollen. Ebenso weit gespannt ist auch der Bogen derjenigen Äußerungen, in denen die schmerzliche Erfahrung einer Fehlgeburt angesprochen werden. Es fällt jedoch auf, daß diese Erfahrung auf keinen Fall tabuisiert oder verschwiegen wird.

 

Unter vier verschiedenen Aspekten wird von Fehlgeburt geschrieben: Da sind zunächst die Ursachen von Fehlgeburten, die benannt werden, dann wird die Fehlgeburt zum Gleichnis für ungelebtes Leben, drittens ist sie Ausdruck der Sehnsucht nach Ruhe in einem sinnlosen Leben, und schließlich gilt die Verheißung im Rahmen der Apokalyptik, daß auch Fehlgeburten auferstehen werden.

Zunächst können wir aus den Bibelstellen zu erfahren, was die Menschen über die Ursache wußten. Die Erzählung vom Propheten Elisa spielt in der Stadt Jericho. Die Menschen erwarteten von Elisa, daß er Wunder wirken konnte wie sein großes Vorbild Elia, der gerade in den Himmel entrückt worden war. Die Menschen litten darunter, daß das Wasser des Brunnens schlecht war. Es kam deshalb zu Fehlgeburten:

Die Männer der Stadt sprachen zu Elischa:

 

Da, gut ists doch in der Stadt weilen, wie mein Herr sieht, aber das Wasser ist bös, so muß das Land fehlgebären.

Er sprach: Holt mir eine Schüssel Wasser und legt Salz hinein. Sie holten sie ihm.

Er trat an den Austritt des Wassers, warf Salz hinein und sprach:

 

So hat ER gesprochen:

Ich heile dieses Wasser,

nicht mehr geschehe dorther

Sterben und Fehlgeburt!

Das Wasser wurde heil bis auf diesen Tag...

2. Kön.2,19

 

Ich benutze bei den Bibelzitaten die Übersetzung von Martin Buber, weil diese dem hebräischen Urtext am nächsten kommt.

 

Ein anderer Text datiert aus der Zeit der Landnahme der israelitischen Nomadenstämme, also etwa 1200 v.Chr. Er spricht davon, daß Gott die Menschen segnen wird, wenn sie ihm gehorchen. Der Inhalt der Segnung spricht von den elementaren Bedürfnissen der Menschen:

So wird er segnen dein Brot und dein Wasser,

beseitigen will ich Krankheit aus deinem Innern,

in deinem Land wird keine Fehlgebärende sein,

keine Wurzelverstockte (Unfruchtbare),

die Zahl deiner Tage mache ich voll.

2. Mose 23,25+26

 

Eine weitere Ursache für Fehlgeburten wird in einem Gesetzestext erwähnt. Dieser gehört zu einer Reihe von Geboten, die jeweils einen bestimmten Fall behandeln. Fehlgeburt wird hier durch physische Gewalt hervorgerufen:

Wenn sich Männer raufen und verletzen dabei ein schwangeres Weib, daß ihr die Kinder abgehn, aber es geschieht nicht das Ärgste, wird er mit Bußleistung gebüßt, wie der Gatte des Weibes ihm ansetzt, doch gebe er nur nach Schiedsspruch.

Geschieht aber das Ärgste,

dann gibt er Lebensersatz für Leben - ...

2. Mose 21,22

 

Eine andere Gruppe von Schriftstellern verwendet den Hinweis auf die Fehlgeburt als ein Beispiel oder Gleichnis dafür, daß ein Mensch sein Leben nicht eigentlich lebt.

Der ältere Text ist aus der Feder eines Mannes, der Mirjam, die Schwester des Moses, die vermutlich einmal gleichbedeutend war wie dieser, hinter Moses zurücksetzen will. Er erzählt, daß Mirjam sich gegen Moses erhoben habe und deshalb aussätzig wurde. Aaron aber, der Bruder der beiden, der sich auch aufgelehnt hatte, wurde nicht aussätzig, im Gegenteil er bittet für Mirjam bei Moses:

O mein Herr, lege es doch nimmer auf uns als Versündigung, daß wir närrisch waren und daß wir sündigten! Sei sie nimmer doch wie ein Totes, dem, aus dem Schoß der Mutter kommend, das Fleisch halb verwest ist!

4. Mose 12,12

Das Volk Israel ist auf seiner großen Wüstenwanderung. Es ruht nun und zieht erst weiter, als Mirjam wird gesund geworden war.

Umgekehrt wünscht die Person, die Psalm 58 gedichtet hat, - der Text wurde später David zugeschrieben- ihren Feinden, daß diese ein nicht gelebtes Leben haben sollen:

Sie sollen zerrinnen wie Wasser, die sich verlaufen!

- Spanne der nur, wie gekappt sind seine Pfeile!

Wie die Schnecke verrinnt, muß er zerlaufen!-

Fehlgeburt des Weibes, schaun sie die Sonne nie!

Ps 58,9

 

In diese Reihe gehört auch, was Paulus von sich selbst sagt im Zusammenhang der Zeugen der Auferstehung Jesu:

Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.

1. Kor 15, 8

 

Die späten Schriften der hebräischen Bibel, unserem Alten Testament, aus der Zeit um 500 v.Chr. gehören zu der damals weit verbreiteten Weisheitsliteratur. In ihr wird die Frage nach dem Sinn des Lebens erörtert, zumal wenn ein Mensch viel Leiden ertragen muß. Das Buch Hiob gehört in diese Tradition. Es ist aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt: aus einer Rahmenerzählung, in der der Teufel mit Gott wettet, daß Hiob von ihm abfallen werde, wenn er viel Leiden über ihn bringt, aus den Klageliedern des Hiob, und schließlich aus den Antworten seiner Freunde, die das Leiden erklären wollen.

In der Rahmenerzählung des Hiobbuches, im ersten und letzten Kapitel, wird noch alles, auch das Leiden, von Gott angenommen: "Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt!". In seinen Klageliedern aber wendet sich Hiob an Gott, um gegen Gott zu klagen: Warum muß ich leiden? Gib mir eine Antwort? Hiob wünscht, überhaupt nicht geboren zu sein:

Warum starb ich vom Schoße nicht weg,

fuhr aus dem Mutterleib und verschied?

Weshalb sind mir Knie begegnet

wozu Brüste, daß ich dran söge?

Denn jetzt dürfte ich liegen und stillsein,

dürfte schlafen und mir wäre Ruh...

...

Oder verscharrter Fehlgeburt gleich wäre ich nichts,

Kindern gleich, die das Licht nicht ersahn....

dort ruhn, deren Kraft erschöpft ist.

Hiob 3, 14-16

 

Denselben Ton schlägt der Autor des Predigerbuches an, der das Leiden und Elend in der Welt betrachtet. Er lobt das "Nichtsein", weil es den Menschen davor bewahrt, Unrecht zu leiden und keinen Trost zu finden:

...ich sah allerhand Bedrückungen, die getan werden unter der Sonne,

und da, die Träne der Bedrückten, und für sie ist kein Tröster...

So preise ich die Gestorbnen, die vorlängst starben,

über die Lebenden, die annoch leben...

Prediger 4,2

Dann betrachtet der Prediger das Leben eines Menschen, dem es sehr gut geht, der aber sein Glück nicht genießen kann:

Würde ein Mann hundert zeugen und viele Jahre leben,

wie viel auch der Tage seiner Jahre wären,

und nicht sättigte sich seine Seele am Guten,

ich spräche: "Ob die auch ein Begräbnis fand,

die Fehlgeburt ist besser dran als er."

Denn kam im Dunst sie und geht in Finsternis sie

und in Finsternis bleibt ihr Name gehüllt,

auch die Sonne sah sie nicht und kannte sie nicht:

eher bei diesem als bei diesem ist die Ruh...

Prediger 6,3-5

Johannes Brahms hat den ersten Text aus Prediger 4 in seinen "Vier ernsten Gesängen op.121" sehr ergreifend vertont. Es ist der zweite Gesang. Dem vierten Gesang hat Brahms das Hohe Lied der Liebe aus 1. Kor.13 zugrunde gelegt und damit seine Trauer um Clara Schumanns Tod auf wunderbare Weise verwandelt.

 

Nun wenden wir uns den Texten der Apokalyptik zu, die Bilder vom Ende der Zeiten und von der Wiederkunft des Reiches Gottes ausmalen. In der apokalyptischen Bildersprache spielen die Erfahrungen der Gebärerinnen eine große Rolle. Die Mutter ist nach großem Zittern und Beben ganz plötzlich erlöst und glücklich, wenn das Kind geboren ist. So verwundert es uns nicht, daß bei der Totenauferstehung auch die Fehlgeburten genannt werden, wie eine Stelle in der Jesajaapokalypse zeigt:

Leben mögen deine Toten,

meine Leichen auferstehn!

Wachet, jubelt Staubbewohner!

Denn dein Tau ist ein Tau der Lichtkräfte:

aufs Land der Gespenster lasse ihn niederfallen!

Jes 26, 19

Besser zu verstehen ist hier die Übersetzung der Alttestamentlerin Annemarie Ohler in ihrem Buch "Mutterschaft in der Bibel" (Würzburg 1992 S.43):

Die Erde gebiert Totengespenster.

Damit ist gemeint: Die Erde gibt auch ihre Totgeburten frei und sie nehmen an der Auferstehung teil!

 

Die wahrhaft menschliche Erkenntnis, daß Fehlgeburten auch Menschen sind, ist hinter diesen Texten der Bibel deutlich erkennbar. Diese schmerzlichen Erfahrungen, die Eltern zu allen Zeiten machen müssen, gehören zum Leben, wie wir es vor Gott stellen. Wir klagen ihn deshalb an. Wir legen aber auch voll Vertrauen das Kind in seine Hände, wenn wir es zurückgeben in den Schoß der Mutter Erde.

 

www.hanna-strack-verlag.de

 

 

 

 

 

Theologische Aussagen von Prof. Dr. Dr. Gerd Presler

 

Etwa ab dem neunten Lebensjahr realisiert das Kind, dass alle Menschen sterben müssen, es selbst nicht ausgeschlossen. Bis dahin aber spielt der Tod im Leben des Kindes keine Rolle. Es wird weder als endgültig noch als unvermeidlich empfunden. Das mag bei der Bewältigung des Todes eines Kindes ein Trost sein: Es selbst hat ihn im Vorhinein nicht "geahnt". Es hat die Erfahrung der Zeitlichkeit des Lebens noch nicht gemacht. Das neue Testament spricht vom Tode Jesu auf unterschiedliche Weise. Das verwundert, denn auch Jesus aus Nazareth ist einen, nämlich seinen eigenen Tod gestorben. Die weiterlaufende Zeit und das Verständnis der Bedeutung seines Todes fächert dann ein breites Spektrum auf. Bei Markus und Matthäus stirbt Jesus mit den Worten: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Dieser Tod ereignet sich in äußerster Einsamkeit, denn Jesus empfindet sich nicht nur von Gott getrennt. Vorher hat er Stück für Stück auch alle menschliche Solidarität verloren: Die Freunde, selbst die Gegner und auch die im gleichen Schicksal mit ihm Sterbenden meiden ihn, haben ihn verlassen.

 

Der Evangelist Lukas hat den Tod Jesu völlig anders verstanden. Bei ihm stirbt der Mann aus Nazareth mit den Worten: "Herr, in Deine Hände gebe ich meinen Geist." Hier also stirbt Jesus in die Geborgenheit Gottes hinein. Schließlich Johannes. Nach seinem Verständnis haftet dem Tod Jesu etwas Sieghaftes an: "Es ist vollbracht."

 

Ohne dass es beabsichtigt war, finden sich in diesen drei unterschiedlichen Verstehens Weisen des Todes Jesu die Möglichkeiten menschlichen Sterbens überhaupt.

 

Die meisten Menschen sterben in äußerster Verlassenheit. Wenige erleben im Tode Geborgenheit bei Gott und den Menschen. Und sehr selten geschieht es, dass im Tode ein sichtbarer Glanz von Erfüllung aufscheint. Zum Tode eines Kindes aber sagen das Alte und Neue Testament wenig. So kann man nur hoffen, daß ihnen ein Tod in Geborgenheit zuteilwird.