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Ein Trauergottesdienst

 

 

Ein Trauergottesdienst als Versuch, die Situation zu verstehen und zu bewältigen.

 

Begrüßung:

Ich begrüße Sie alle, die Sie gekommen sind, um Abschied zu nehmen: Abschied zu nehmen von einem Kind, das nur sehr wenige Tage mit allen Hoffnungen und Schmerzen gelebt hat. Was uns zusammenführt, ist ein trauriger Anlass. Daran kann kein noch so gut gemeinter Trost etwas ändern. Was uns zusammenführt, ist eine harte Anfrage. Hilfe können wir uns nur gegenseitig geben. Und darin, dass wir damit hier und jetzt beginnen, wird Hilfe Gottes sichtbar. Und so halten wir in diesen schweren Stunden zusammen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heilgen Geistes. Amen.

 

Predigttext:

Es gibt im Alten Testament einen Menschen, der schönes und schweres im Übermaß erlebt hat. Sein Name: Hiob. Nach allem, was er durchstand - er verlor mitten in einem gelungenen Leben voller Glück seine Familie, alle Kinder, seine Existenzgrundlage und schließlich auch seine Gesundheit - besaß er die Kraft, ein Resümee zu ziehen: "Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt."

 

Liebe Anwesende. Wir müssen uns nun erst einmal Klarheit verschaffen über das, was geschehen ist. In einem zweiten Schritt gilt es zu überlegen: Was ist zu tun? Was können wir bewältigen, und wo sind unsere Grenzen? Was ist geschehen? tl_files/fM_k0006/images/sunset.jpgIch sehe die jungen Leute vor mir, wie sie sich das Ja-Wort geben, wie sie sich mögen, wie sie sich einander anvertrauen. Der Tag der Vermählung, ein sehr freudiger Tag, ein froher Tag. Damals war viel Zuneigung, viel Gemeinsamkeit zu spüren - und daran hat sich nichts geändert, Ihr steht mit denselben Empfindungen füreinander in einer anderen Situation. Damals habt ihr einander versprochen: "Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen. Es mag geschehen, was will, wir gehören zusammen." Damals war die Rede von: "In guten und in schweren Tagen!" Und jetzt sind diese schweren Tage gekommen.

 

Hat sich an der gemeinsamen Grundlage, an der gemeinsamen Lebensbasis etwas geändert? Hat das nun eingetretene Leid Eure Zuneigung, Euer gegenseitiges Vertrauen verändert? Es hat sich nichts verändert! Viele denken, Leid sei um jeden Preis zu vermeiden. Viele sehen keinen Sinn in den schweren Zeiten des Lebens. Sie halten allein das Gelingen, den Erfolg, die rosigen Zeiten für erstrebenswert. Dazu will ich jetzt nichts sagen, nur dies: Dass eine solche Haltung nicht realistisch ist, denn es geht im Leben so gerade nicht zu. Es gibt sinnloses Leid. Dagegen müssen wir mit allen Mitteln und um jeden Preis kämpfen.

 

Und so eigenartig es klingen mag:Es gibt sinnvolles Leid. Worin immer sein Sinn bestehen mag: Das alles hat etwas zu tun mit der Größe des Lebens, mit seinen sehr unterschiedlichen Seiten. Es hat etwas zu tun mit dem, was wir durchstehen müssen, und was wir durchstehen können. Denn wir sind stärker, als wir annehmen. Der Tod dieses kleinen Menschen ist bitter - aber er ist nicht sinnlos. Die Theologie spricht davon, daß alles Leben in Gott beginnt und in Gott endet. So kann man sagen. Gemeint ist: Jedes Leben - in seiner Länge, aber auch in seiner Kürze - ist Teil jenes großen Stromes, der vor uns begann, und der nach uns nicht endet.

 

Wenn wir - und das sollten wir jetzt tun - unser Leben als Teil, als Abschnitt des Lebens begreifen, dann kommen wir aus den unendlichen Zeiten vor unserer Geburt, treten ein in die Spanne unserer Tage - und setzen das Leben fort, hinein in die Unendlichkeit nach unserem Tode. In jedem Ende verbirgt sich ein Anfang. In jedem Anfang ein Ende.

 

Unter uns sind die Eltern, die um ihr Kind trauern. Das ist gut so. Und doch hat sich an dem, was ihr Leben wirklich bestimmt, nichts geändert. Diese Eltern werden jetzt hart gefragt. Es ist ihnen nicht leicht gemacht - und jeder wünschte, dass sie ihr Kind hätten behalten können. Was ihr jetzt erlebt, fordert Eure Tapferkeit, Eure besten Kräfte und Eure Liebe zueinander heraus. Ihr werdet weinen. Aber ihr werdet gemeinsam weinen. Ihr werdet erfahren, spüren, wie kostbar, wie wertvoll gerade jetzt Eure Eltern, Eure Freunde, Eure Geschwister sind. Jeder einzelne. Und Ihr werdet darüber nicht ärmer.

Ihr werdet reicher aus der Trauer und dem Verlust hervorgehen. Der Verlust wird nicht ungeschehen gemacht, sicher nicht, aber er wird tragbar, ertragbar. "Einer trage des anderen Last." Was das bedeutet, habt Ihr erfahren. Das sind gute Erfahrungen. Das sind keine Illusionen. Das gibt es. Das ist Realität. Das können wir uns gegenseitig geben. Und das stiftet auch Sinn. Es ist also richtig, was Hiob aussprach: "Der Herr hat´s gegeben. Der Herr hat´s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt." Amen.

 

Gebet:

Der Herr über Leben und Tod hat Euer Kind zu sich genommen. Wir erkennen darin nicht allein eine Belastung. Wir gehen durch ein Tal. Und es ist auch dunkel. Aber wir gehen nicht allein. Was wir durchschreiten, birgt in sich zugleich die Aufforderung, einander noch mehr zu stützen; füreinander ganz entschieden dazusein. Herr, vertreibe ungute Gedanken. Lass uns noch tiefer zueinander finden. Wir stehen an einem Punkt, der den Abschied benennt - und zugleich beginnt ein neues Kapitel im Buch des Lebens - für dieses Kind und für uns. Amen.

 

Prof. Dr. Dr. Gerd Presler

 

 

 

 

Segen über einer Fehlgeburt

 

Du warst ein Kind der Hoffnung,

unsere Liebe umhüllte dich,

unsere Fantasie schmückte dein Leben aus.

 

Du warst ein Kind der Freude.

Wie eine Blüte ging unser Herz auf,

denn wir erwarteten dich voll Sehnsucht.

 

Du warst ein Kind des Lebens.

Wir wollten Leben weitergeben

und uns selbst beschenken lassen.

 

Du bleibst unser Kind.

Doch du bist ein Kind der Sehnsucht,

das zu einem Kind der Trauer wurde.

 

Du hast sie nicht gesehen,

den Sonnenglanz und die Mondsichel.

Du hast nicht in unsere leuchtenden Augen geschaut.

 

Nun aber siehst du das Licht,

das strahlende, wärmende Licht

der Liebe Gottes.

Auch du wohnst im Hause Gottes,

wo viele Wohnungen sind.

 

Du bist gesegnet

du Kind der Hoffnung, der Freude

und des Lebens.

Und mit dir ist gesegnet

unsere Trauer um dich,

du Kind bei Gott.

 

Pfarrerin Hanna Strack